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Die Waldgeister der Thüringer Sagen

Die Waldgeister der Thüringer Sagen

Ein Beitrag von Janin Pisarek

Gefährlich, ungezähmt und unzugänglich erscheint der Wald in den Thüringer Sagen. Diese wurden maßgeblich von Gebildeten des 19. Jahrhunderts verschriftlicht – so beispielsweise von Christian Ludwig Wucke (1807-1883), Robert Eisel (1826-1917) und Ludwig Bechstein (1801-1860), die diese wiederum von Kräuterfrauen und Waldarbeitern erzählt bekamen. Doch so wild waren die Waldlandschaften Thüringens auch schon vor rund 200 Jahren nicht mehr. Vermessen und kartiert, wurde der Forst schon längst verwaltet und großräumig bewirtschaftet. Einige Teile Deutschlands galten sogar bereits im 18. Jahrhundert als entwaldet. Dennoch wirken die Wälder in dieser Zeit, in der Städte industrieller werden, romantisiert. Als Treffpunkt von Hexen, Geistern oder dem Teufel selbst galten grüne Naturräume und schier unendliche Waldlandschaften als Orte numinoser Begegnungen und Begebenheiten.

Generell spielte der Wald in Märchen und Sagen immer eine wichtige Rolle. Besonders in Sagen dienen Wälder als Kulisse für zahlreiche übernatürliche Ereignisse. Waldsagen erzählen von Jagdleidenschaft und Übermut, Freischützen und deren geheimen Künsten, Kugelzauber und der Kunst des Wildbannens, geheimnisvollen Schätzen und Begegnungen mit den Jenseitigen. Neben diesen wahrlich sagenhaften Vorkommnissen drehen sich viele Sagen um Besitz-, Eigentums- und Nutzungsrechte. 

Die übernatürlichen Gestalten der Thüringer Sagenwelt

»In der Gegend um Saalfeld, im Saaltale, auf der Heide, in den Bergwerken von Kamsdorf, im Orlagau und nach dem Vogtlande hinüber, wie in diesem selbst, läßt die Sage des Volkes zahlreiche mythische Wesen in abgesonderten Gruppen bestehen; diese bilden das Volk der Riesen, der Zwerge, letztere als Bergmännchen, der Haus- und Hilfsgeister als Heimchen, der Wichtlein, Moosmänner, Holz- und Moosweibel […]; sodann die Drachen, Saalenixen und endlich der wilde Jäger selbst mit seiner Jagdfrau, der wilden Bertha.«1

Die dämonologischen Sagen beinhalten übernatürliche Wesen und berichten im Kern von einer supranaturalen Begegnung. So treffen wir in diesen Erzählungen auch auf Waldgeister – ein Sammelbegriff für übernatürliche Wesen, deren Lebensraum der Wald ist. In den waldreichen Gebieten Europas und darüber hinaus sind sie stark verbreitet, unterscheiden sich jedoch weitreichend in ihrer Erscheinungsform, ihrem Wesen, aber viel mehr noch in ihren regionalen Bezeichnungen.

Gemein haben sie, dass es sich im mitteleuropäischen Raum meist um anthropomorphe Naturdämonen weiblichen und männlichen Geschlechts handelt. Die Geister des Waldes der Thüringer Sagen lassen sich in zwei Gruppen unterteilen. Die übernatürlichen Wesen der niederen Mythologie und Menschen, die aufgrund ihrer Anwendung von frevelhafter Zauberei selbst den Kern von spukhaften Erzählungen bilden. Wir werden uns hier ausschließlich den Gestalten ersterer Kategorie ihren Funktionen nach widmen.

Schabernack treibende Unholde

Waldgeister sind wie viele andere übernatürliche Wesen dafür bekannt, den Menschen Streiche zu spielen. Besonders spürten das die Holzarbeiter, von denen die Sagen am Rabsberge erzählen. Die dortigen Berggeister des Zeitzgrunds sorgen in den Überlieferungen dafür, dass Sägen und Äxte gänzlich stumpf werden, sodass die Waldarbeiter gezwungen sind, bei Proviant zu pausieren. Nehmen sie danach die Arbeit auf, sind Sägen und Beile plötzlich schärfer denn je. In der gleichen Gegend geschieht es der Sage nach, dass zu entfernende Wurzelstöcke wie von unsichtbaren Händen festgehalten werden, Holzkohle und Pilze auf Waldarbeiter wie Geldstücke wirken oder sich ein Feuer nicht entfachen lässt, ehe alle kalten Kaffee getrunken haben. Erschrocken dürften auch die Holzdiebe sein, die nichtsahnend einer Katze entgegenlaufen, die plötzlich die Größe eines Ochsen annimmt. All dieser Spuk ist nicht wirklich böse oder gefährlich, zeigt jedoch deutlich das neckende Wesen.

Reichtum, Dank und Hilfe

Die Moosleute2 gehören in besonderem Maße zu den Waldgeistern, die Menschen helfen oder sich sehr großzügig bedanken. Dazu zählen Dienste wie das Umsorgen von Vieh, die Reinigung von Ställen oder Hilfe bei Wald- und Hausarbeit. Mit ihrer Naturverbundenheit geben sie Ratschläge zum Säen, Ernten und Heilen, oder helfen jenen, die sich in den Tiefen knorriger Bäume verirrt haben.

Besonders die Moosweibchen sind für ihr dankbares Wesen bekannt. Sagen des Thüringer Schiefergebirges erzählen von der großzügigen Belohnung von Frauen, die ihr Brot mit ihnen teilen. In der gleichen Region, wie auch im Vogtland berichten dutzende Sagen davon, wie die Moosleute vom wilden Heer verfolgt werden. Schützen können sie sich vor dem wilden Jäger und seinem Gefolge an geheiligten Orten. Dazu ritzen Holzfäller und Waldarbeiter drei Kreuze in die Baumstümpfe, an denen die guten Geister sicher sind. Als jedoch ein Bauer bei Saalfeld wider der Bitte eines Moosweibchens das Einschlagen der Kreuze unterlässt, drückt sie ihn so stark, dass er krank und elend nach Hause zurückkehrt.

Gleich ob die Holzfräulein auf der Flucht oder aus eigenen Stücken in die Häuser kommen: Mit ihrer gutmütigen Art bringen sie den Menschen Glück und Segen. Im Gegenzug verlangen sie einen Teil der Nahrung der Menschen als Speiseopfer und fordern Stille und Eintracht. Streit und Missgunst lassen sie hingegen verschwinden.

Die neckische Elbenschar der Heimchen, das Volk der wilden Bertha, ist ebenso bekannt für gute Taten. Mit lieblichen Kreiseltänzen erfreuen sie Menschen, sagen ihnen Glück und Unglück voraus und helfen bei Arbeiten.

Zu großem Reichtum kommt ein Förster in einer Sage aus Asbach, ein kleiner Ort zwischen Bergen, Tälern und Wäldern des Thüringer Waldes. Mit List und Schnelligkeit bemächtigt er sich der Krone der Otternkönigin, als diese ihre Krone auf dem gut platzierten Tuch des Försters ablegt, um aus einer Quelle zu trinken. Nach seiner erfolgreichen Flucht legt der Förster den magischen Gegenstand in einen Kornhaufen, welcher seitdem nicht mehr abnimmt.

Bestrafung von Tabubrüchen und Frevel

Wie im Umgang mit allen jenseitigen Wesen der Sagenwelt, unterliegt auch der mit den Waldgeistern zahlreichen Regeln, Verboten und Tabus. Verstöße gegen diese haben immer Konsequenzen – von neckischen Strafen bis zum Tod. So gibt es bei der Begegnung mit dem wilden Jäger bei Bad Liebenstein heftiges Ohrfreigen, wenn man sich nicht sofort mit dem Gesicht auf den Boden wirft. Eher neckisch wirkt auch die Bestrafung eines Bauers, der auf dem Weg von Mühlhausen nach Oberdorla, der ihn überholenden wilden Jagd aus Spaß hinterher rennt und ihre lauten Geräusche spöttisch nachahmt. Zu Hause bemerkt er als »Geschenk« der Geister eine Hirschkeule, die er nicht mehr aus dem Haus bekommt, selbst vom Misthaufen gelangt sie immer wieder auf wundersame Weise in den Schornstein. Viel unglücklicher verläuft die Begegnung des Bauers bei Kaulsdorf mit dem wilden Heer, das er hämisch fragt, ob sie nicht etwas von ihrer Jagdbeute abgeben wollen. Zerstückelt wird er danach im Wald gefunden. Ähnlich grausam kann dort das Zusammentreffen mit der weißen Frau im Loquitzgrunde verlaufen, die Wanderer ins Dickicht lockt und mit ihrem großen Messer ersticht. Mit dem Tod wird auch ein gieriger Mann aus Bobeck bestraft, der im Zeitzgrund ein rotbärtiges Männlein bestehlen will. Unter dem Krächzen mehrerer Raben wird der Mann durch eine unsichtbare Kraft zu Boden geworfen. Krank kommt er nach Hause und verstirbt bald darauf.

Es ist nicht unüblich, dass Waldgeister gefährlich sind, Menschen versuchen zu schädigen oder sogar nach ihrem Leben trachten, doch kommen die Protagonisten in den Thüringer Sagen bei Tabubrüchen und Freveltaten häufig mit dem Leben davon. 

Die Magd, an der oberhalb von Oechsen im Wartburgkreis das wilde Heer vorbeizieht, hilft dem letzten der 43 Gesellen. Dieser bedankt sich mahnend »Aber schweige bei allem, was du Sonderbares erleben wirst«. Sieben Jahre später zieht das Heer durch ihr Haus. Der 43. Geselle fasst in ihren Eimer mit dem lauwarmen Wasser fürs Brotbacken. Seitdem wächst der Brotteig immer nach, sodass das Brot nicht ausgeht. Als die Magd eines Tages nicht mehr den stetigen Fragen der Nachbarinnen ausweichen kann und von der Begegnung erzählt, ist es vorbei mit dem Wunderbrot.

So ergeht es auch den Knaben aus Schwarza bei Rudolstadt, deren Bierkannen sich nach der Begegnung mit dem wilden Heer immer von selber füllen, bis sie ihre Geschichte erzählen. 

So können auch von Waldgeistern erhaltene Gaben beim Tabubruch wieder genommen werden. Eine eher temporäre Strafe, die nach Verhaltenskorrektur sogar zu einer Belohnung wird, erfährt der Bauer aus einem Walddorf bei Saalfeld. Als er der wilden Bertha in ihrem von Katzen gezogenen Wagen auf einem engen Hohlweg im Wald keinen Platz macht, schlägt sie ihm ein Beil mitten in den Kopf. Ein Jahr muss er damit leben und es verdecken. Als er ihr erneut begegnet, weicht er respektvoll aus. Daraufhin streicht sie ihm über die Stirn und das Beil fällt rückstandslos aus seinem Kopf. Zu seiner Freude ist es aus purem Gold.3

Im Einklang mit der Natur

Als Wesen des Waldes sind die Waldgeister eng mit der Natur verbunden, so kann beispielsweise ein Moosweibchen dadurch sterben, dass der ihr zugehörige Baum gefällt wird. An anderer Stelle zeigen bestimmte Geister den Jahreszeitenwechsel an oder bedingen das Wetter. Aus Zella-Mehlis berichtet die Sage von den Jungfrauen am Reisinger Stein, die immer in den kältesten Märzstunden erscheinen sollen. Die tanzenden Jungfern, die ihre weiße Kleidung und Schleier, ähnlich den Nixen, überall in die Bäume hängen, stehen metaphorisch für den ausklingenden Winter und den sich zurückziehenden Nebel. So wie sie ihre Kleider abnehmen und sich zurückziehen, verschwinden auch die letzten Schneereste und Nebelschwaden.

Gespenstisches Treiben

Ob geisterhafte Hunde, Irrkraut oder neckische Geister – die Motive der Thüringer Waldsagen sind zahlreich – von den genannten über Wechselbalgerzählungen bis zu spukhaften Erlebnissen mit plagenden Aufhockergestalten. 

In zahlreichen Zusammenhängen und Motivverbindungen treten Waldgeister auch an die Stelle anderer Dämonen, Riesen, Wassergeister (beispielsweise, wenn  Waldgeister menschliche Hebammen zu sich holen), Bären, Drachen, Trolle, Räuber und vor allem des Teufels, häufig Herr Urian genannt.

Wie erwähnt, teilen sich die Wesen der niederen Mythologie die Thüringer Wälder mit weiteren übernatürlichen Gestalten, wie Hexen und zauberkundigen Frauen, kopflosen Reitern, weißen Jungfrauen, verzauberten Jägern und den unruhigen Geistern der Toten. 

Wo der Hund begraben liegt

Ihre Spuren hinterließen die Waldgeister nicht nur in den Sagen. Bis heute sind sie in Flurnamen wie Wildweiberhäuschen, Frauenhöhlen und Waldfrauenloch erhalten oder in Geländenamen wie Jungfernsitz oder Leinwandbleiche verankert. Die Wälder  üben bis heute eine besondere Faszination auf die Menschen aus. Für die meisten Menschen früherer Zeiten diente der Aufenthalt im Wald weniger dem reinen Vergnügen. Sie waren auf seine Erzeugnisse angewiesen und nutzten ihn zur Gewinnung von Brenn- und Bauholz, zur Eisenverhüttung und für diverse Handwerke. Bauern wie Reisende mussten sich mit wilden und gefährlichen Tieren auseinandersetzen.  

Das Bild des märchenhaften Waldes, wie wir es aus Volkserzählungen und Kunstmärchen kennen, entstand besonders während der Romantik, in der Dichter und Poeten sich dem Wald als Ort mystischer Erfahrung zuwandten und damit auch den Geistern, die ihn im Volksglauben bevölkerten. Da verwundert es nicht, wie präsent der Wald auch in den Märchen und Sagen des 19. Jahrhunderts ist, war er doch Teil der nostalgischen Verklärung dieser Zeit und ein Symbol für die Kräfte der Natur. 

So bleibt der Wald in den Büchern und Erzählungen der Ort, wo untreues Gesindel zusammen mit Räubern wohnt, Zauberer und Hexen ihr Unwesen treiben, Teufel, Zwerge, Moosleute und weise Frauen zu finden sind – und die sich in Zeiten von Wirtschaftswachstum und Schädlingen, wie Buchdrucker und Kupferstecher4 manch einer als schützende Geister in die Wälder wünschen würde – dorthin, wo der Hund begraben liegt.

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1: Bechstein, Ludwig: Aus dem Sagenschatz der Thüringer, Husum: Husum Druck- und Verlagsgesellschaft, 1986, S.141.
2:  Die Moosleute sind im ganzen deutschsprachigen Raum bekannt. Meist gelten sie als sterbliche Wesen, wenngleich man ihnen besondere Fähigkeiten nachsagt. Ihr Lebensraum ist die Heide und das Holz. Die Thüringer Sagen berichten, dass sie häufig in unterirdischen Löchern oder in kleinen Behausungen aus Baumwurzeln hausen. Sie sind klein, mit grünem Moos bedeckt und tragen häufig alte graue Kleidung und Körbe auf dem Rücken. 
3: Das Motiv des Ausweichens findet sich auch um Leutenberg, wo vor den Begegnungen mit der Buschgroßmutter, eine besondere Variante des Moosweibchens, gewarnt wird.
4: Kupferstecher und Buchdrucker sind Arten aus der Familie der Borkenkäfer

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Literatur

Dietrich Kühn: Sagen und Legenden aus Thüringen, Weimar: Wartburg Verlag, 1995.

Eugen König: Sagen der Heimat. Land Thüringen, Zella-Mehlis: Heinrich Jung Verlag, 1992.

Florian Schäfer, Janin Pisarek: Hausgeister! Fast vergessene Gestalten der deutschsprachigen Märchen- und Sagenwelt, Köln: Böhlau Verlag, 2020.

Florian Schäfer, Janin Pisarek: Fabeltiere. Tierische Fabelwesen der deutschsprachigen Mythen, Märchen und Sagen, Köln: Böhlau Verlag, 2023.

Gudrun Braune: Von Waldbesitzern, Jägern, Forstleuten und Waldgeistern. Thüringer Sagen, Erfurt: Volkskundliche Beratungs- und Dokumentationsstelle Thüringen 2011.

Janin Pisarek: Von geplagten Waldarbeitern, spukenden Geistern und sonderbaren Gestalten. Waldgeister und Zauberei in Thüringer Sagen. In: »Heimat Thüringen. Kulturlandschaft, Umwelt, Lebensraum«, Heft 1–2/2023, S. 42–46.

Ludwig Bechstein: Aus dem Sagenschatz der Thüringer, Husum: Husum Druck- und Verlagsgesellschaft, 1986.

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